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Studienaufenthalt bei Kawase Junsuke sensei III

ein persönlicher Bericht von Isabel Lerchmüller, Januar 2020

Hochsommerlich warm war es, als ich Ende September 2019 in Tokyo ankam. Ich wusste nicht so recht, was mich in den kommenden zwei Monaten alles erwarten würde. Der einzig festgelegte Termin war meine erste Begegnung mit Kawase Junsuke sensei III und Sousuke Satou san – gleich am Tag nach meiner Ankunft. So machte ich mich denn, unsicher aber voller Neugier, auf den Weg nach Yotsuya zum Hauptsitz der chikuyusha Japan.
Was folgte, waren 8 Wochen voller wunderbarer Erlebnisse. Eine unglaublich nährende Zeit, die mich sehr tief berührt hat.
Zweimal wöchentlich durfte ich von intensivem Unterricht bei Kawase sensei profitieren. Wenn ich dem 83-jährigen Meister gegenüber sass und wir die Shakuhachi bliesen, gab es nichts anderes mehr als diesen einzigen Moment. Kawase sensei nahm mich mit auf eine unglaublich lehrreiche Reise, wo mein Fokus ganz der Musik galt.
Mit viel Freude übte ich täglich in meiner kleinen Wohnung in Nakano-ku und hoffte fest, die Ohren meiner Nachbarn nicht zu sehr zu strapazieren. Hier zu spielen, umgeben von dieser anderen Kultur, umarmt von dieser mir fremden und doch irgendwie vertrauten Welt, war für mich unbeschreiblich erfüllend.
Doch es dauerte nicht lange, da wurde ich aus dem sicheren Hafen des Für-mich-alleine-Übens herausgerissen – mit Vorspielen, Workshops und unerwarteten Auftritten.
Das interne Honkyoku-Vorspiel war eine tolle Erfahrung! 25 Shakuhachi-Spieler und 2 Shakuhachi-Spielerinnen (inklusive ich) spielten einander solo Stücke vor. Das führte zu über 5 Stunden Shakuhachi Musik am Stück – ein kleiner Marathon. Mit Ginryu Koku durfte ich dort eines meiner liebsten Stücke vortragen.
Doch nicht nur intern sondern auch öffentlich spielten wir Honkyoku-Musik: am grossen Konzert im National Theater von Tokyo. Was für ein Event! Auf dieser riesigen Drehbühne kniend spielten wir in der Gruppe Igusa Reibo. Da ich ja gar nicht mit solchen Auftritten gerechnet hatte, schien mir das alles wie ein Traum.
Fasziniert liess ich mich durch dieses 2-monatige Japan-Abenteuer treiben. Auch die wundervolle Koto- und Shamisen-Spielerin Yamazaki Senshu sensei wurde Teil davon. Mit ihr und ihren Schülerinnen durfte ich einige Male Sankyoku-Stücke proben und sogar an einer Firmen-Party im Saitama Grand Hotel Fukaya auftreten, wo wir Rokudan no Shirabe und Yachio Jishi spielten. Ein weiteres Konzert führte mich nach Ichikawa (Chiba Präfektur) an das Herbstfestival. Der herzensliebe Shuusuke Saito san hatte mich dort zum Mitspielen in der Gruppe eingeladen – Azuma no Kyoku und Yugao. Bereits die Proben hierfür bei dem lustigen Koto- und Shamisen-Spieler Mamada sensei waren einzigartig – in dessen Wohnung, auf kleinstem Raum, mit diesen junggeblieben Herren! Ich hätte mir voll fehl am Platz vorkommen können – doch ich tat es nicht, keinen Augenblick.
All diesen Menschen bin ich von Herzen dankbar. Sie haben mir so viele unvergessliche Erlebnisse ermöglicht. Bestimmt hat auch mein bisschen Japan-Wissen – sprachlich wie auch kulturell – seinen Teil dazu beigetragen, mir verschiedenste Türen zu öffnen. So verbrachte ich mit der liebevollen Masako san – Kawase senseis Frau – den Nachmittag plaudernd im Tea Room oder liess mir von der Koto- und Shamisen-Spielerin Kawase Roshu ihre Kimono-Sammlung von über 200 Stück zeigen. Und wenn dann doch mal dringende Fragen auftauchten, konnte ich mich jederzeit an den Sonnenschein Sousuke Satou san wenden, den chikuyusha Sekretär, der so oft ein strahlendes Lächeln im Gesicht trug.
Von Kawase Junsuke sensei III wurde ich bis zum letzten Tag auf eine sanfte und motivierende Art gefordert. So schickte er mich denn auch – mit dem für mich ganz neuen Stück Shin Musume Dojoji – an einen Sankyoku Workshop geleitet von seinem Sohn Kawase Yousuke sensei und der Koto- und Shamisen-Spielerin Fukuda Eika sensei – eine Ehre und ziemliche Herausforderung zugleich. Tempo, Rhythmus, Intonation, Zusammenspiel… Doch die Freude, immer weiter in diese Welt einzutauchen, stand über allem.
Nach zwei Monaten hatte sich auf meinem rechten Daumen durch das Spielen eine dicke Hornhaut-Schicht gebildet. Ein Souvenir, sozusagen.
Mit einem strahlenden und reich beschenkten Herzen verliess ich Ende November Japan – die schöne Hoffnung auf ein Wiedersehen in mir tragend.

 


Jahreskonzert 2019 der Shakuhachi Gesellschaft Schweiz – chikuyusha.ch

Am 20. Oktober 2019 veranstaltete die Shakuhachi Gesellschaft Schweiz – chikuyusha.ch ihr jährliches Konzert. In der Pauluskirche in Olten hat sie sich dieses Jahr ganz auf Honkyoku der Kinko und Myôan Taizan Schulen konzentriert.
Ueli Fuyûru Derendinger eröffnete mit Hôtaku auf einer 3.6 (sanshakurokusun) Shakuhachi. Was für Töne!

Es folgten Sôkaku, Shika no Tône aus der Myôan Taizan Schule sowie Shimotsuke Kyôrei (gespielt von Ursula Fuyûmi Schmidiger) und Azuma no Kyoku, Stücke der Kinko Schule.
Anregend war auch Jürg Fuyûzui Zurmühles Interpretation von Taki ochi no Kyoku, der das Stück mit ungewohnten dynamischen Wechseln bereicherte.

Ein besonderes Vergnügen waren die selten gespielten Stücke Rokudan und Akikaze no Kyoku als Duett im danawase Stil. Solche harten Dissonanzen und gelegentliche Bitonalität sind wirklich unerhört in der westlichen Musik.
Was mich besonders gefreut hat, war der Umstand, dass zwei Schüler meiner ehemaligen Schüler (Peter Staiger and Ruedi Linder) zum ersten Mal in der Öffentlichkeit gespielt haben. Die Tradition geht weiter!

Andreas Fuyû Gutzwiller

 


World Shakuhachi Festival, London 2018

Anne M. Norman, eine befreundete Shakuhachispielerin aus Australien war am Festival in London mit dabei und hat einen interessanten Rückblick im FLUTE JOURNAL verfasst.

http://flutejournal.com/world-shakuhachi-festival-london-2018/

 


Zum Tod von Dieter Zuishô Nanz

Mit grosser Betroffenheit und Trauer hat die Shakuhachi Gesellschaft Schweiz – chikuyusha.ch die Nachricht vom Tod von Dieter Zuishô Nanz aufgenommen.

Dieter A. Nanz studierte Flöte bei Philippe Racine und promovierte in Musikwissenschaft (Utrecht NL). Er war Shakuhachi Schüler von Kakiuchi Sanpô und Tajima Tadashi, der ihm 2008 das Lehrdiplom erteilte. Dieter A. Nanz unterrichtete an den Ateliers d’ethnomusicologie in Genf und gab Konzerte in Japan und Europa. Bei der Shakuhachi Gesellschaft Schweiz wirkte er in den Lehrerkonzerten in Zürich (2013) und Basel (2012) mit und machte im Rahmen eines Workshop in Basel die Mitglieder mit den Honkyoku der von Tajima gegründeten Jikishô-ryû vertraut. Unvergessen bleibt die Konzert-Tournee mit dem Ensemble Boswil für neue Musik unter der Leitung von Seitaro Ishikawa im Oktober 2014, bei der er den anspruchsvollen Shakuhachi-Part in „Voyage X“ von Toshio Hosokawa spielte (Boswil, Lugano, Ftan, Basel).

Dieter A. Nanz ist am 21. Mai 2015 einem Krebsleiden erlegen. Die Shakuhachi Gesellschaft Schweiz verliert einen engagierten Lehrer und bedauert, dass die Jikishô-ryû in der Schweiz nicht mehr vertreten ist.

 


Besuch von Kawase Junsuke III, Oberhaupt der Zenkoku Chikuyûsha Japan, seinem Sohn Kawase Yôsuke und ihrem Ensemble mit Yamazaki Senshû, Kezuka Mariko und Hirano Hiroko /
Visit of Kawase Junsuke III, Sôke of the Zenkoku Chikuyûsha Japan, his son Kawase Yôsuke and their ensemble (Yamazaki Senshû, Kezuka Mariko and Hirano Hiroko)
(September 2012)

Bericht mit Bildern:  Besuch–Chikuyusha_JP_2012
Report with Pictures
anschauen/download: Besuch Kawase, Workshop Bilder

 


Studienaufenthalt von Ursula Schmidiger und Andrea Hofer in Tokyo im April 2009
Text: Ursula Schmidiger
Bilder: Ursula Schmidiger und Andrea Hofer, in der Galerie

Nach etwas mehr als zehnjährigem Studium der Shakuhachi bei Andreas Gutzwiller ergab sich für mich endlich die Gelegenheit, nach Japan zu reisen und die traditionelle japanische Kammermusik im Ensemblespiel in Tokyo zu praktizieren und zu vertiefen.

Am 1. April 2009 wurden Andrea Hofer und ich in der Chikuyûsha von Kawase-sensei mit Familie und Okawara-san herzlich willkommen geheissen. Gespannt und auch etwas ängstlich sah ich der ersten Unterrichtsstunde entgegen, war es doch für mich das erste Mal, in dieser Formation zu musizieren. Die wohlwollende Atmosphäre unter der Leitung von Kawase Junsuke sensei und Kawase Yôsuke sensei mit Okawara-san als Übersetzer sowie die Musik an sich machten alles sehr angenehm. Andrea und ich waren glücklich, praktizieren und lernen zu dürfen. Sehr geschätzt haben wir auch, mit zwei Teams, Hakushukai und Kezuka, zu spielen. Eine ganz grosse Ehre war es für uns, von Kawase Junsuke sensei in Honkyoku unterrichtet zu werden. Der Besuch bei Saitô-sans Shakuhachiklasse in Chiba gab einen Einblick in eine Form des Gruppenunterrichts. Am 10. April genossen Andrea und ich, mit Okawara-san als Guide, den interessanten und faszinierenden Ausflug nach Kamakura und Enoshima.

Der Höhepunkt: das Welcome Concert am 11. April im Public House. Vor allem beeindruckten mich zwei Spielerinnen, die ihre nicht kurzen Stücke auswendig vortrugen. Eine gelungene Überraschung für Andrea und mich war das gemeinsame Spielen der Schweizer Nationalhymne. Ein Zeichen dafür, dass unser Interesse an der Shakuhachi geschätzt wird. Schliesslich durfte auch ich, natürlich etwas nervös und in gespannter Stimmung, mit Yamasaki Senshu sensei und Kawase Bishu auf der Bühne mit dem Stück Mama no Kawa meinen Beitrag leisten. Anschliessend spielte Andrea Hagi no Tsuyu und schliesslich Kawase Yôsuke Zan Getsu. Das ganze Konzert dauerte von  vormittags 11.00 Uhr bis abends 18.00 Uhr. Sozusagen ein Marathon… Ein köstliches Nachtessen (in derselben Sitzhaltung wie schon den ganzen Tag über, also in Seiza) und geselliges Beisammensein rundeten diesen Tag ab und lassen ihn unvergesslich bleiben.

Etwas traurig, jedoch voll Dankbarkeit und reich an neuen Erfahrungen, hiess es am 14. April Abschied nehmen, gerade zur rechten Zeit, neigte sich doch auch die Kirschblüte ihrem Ende entgegen. Gerne denke ich an diese wunderbaren lehrreichen zwei Wochen in Tokyo zurück, umgeben von netten Menschen und vielen Kirschblüten. Während unserer anschliessenden Reise von Tokyo nach Fukuoka hatten Andrea und ich zweimal die Gelegenheit, im Tempel Shakuhachi zu spielen. Im Myôan Ji in Kyôto das Stück Hifumi Hachigaeshi Shirabe und im Kon Gou Sho Ji in Iseshima Kôku Reibo. Am 30. April kehrten wir in die Schweiz zurück, neu motiviert für unser Instrument und begeistert über unseren gelungenen Japanaufenthal